Tauche ein in das Elfenland

 

Willkommen im Elfenland wo die Schleier zwischen den Welten dünn sind. Hier entfalten sich 'Geschichten aus dem Elfenland', die Sie in eine Welt voller Magie und wundersamer Naturwesen entführen. Lassen Sie sich verzaubern und entdecken Sie die Geheimnisse, die in den Wäldern und Flüssen schlummern.

 

Ein Reich voller Wunder.

 

Unsere Geschichten konzentrieren sich auf die einzigartige Welt der Elfen und Naturwesen. Jede Erzählung ist ein Fenster in ihr verborgenes Reich, das die Schönheit und Weisheit dieser magischen Bewohner unserer Erde offenbart. Entdecken Sie ihre Bräuche, ihre Lieder und ihre tiefe Verbindung zur Natur.

Diese zauberhaften Erzählungen sind für alle gedacht, die ihr Herz für das Staunen öffnen möchten. Wir möchten Gefühle der Freude, des Friedens und der tiefen Verbundenheit mit der Natur wecken. Jedes Wort ist darauf ausgelegt, Ihre Fantasie zu beflügeln und Sie in eine Welt zu entführen, in der alles möglich ist.

 

Finn und die Zeitlupe von Oros

Finn stand am Ufer des Silberflusses. Alles im Elfenland glitzerte so sehr, dass seine Augen schmerzten, und die Libellen waren hier so groß wie Bussarde. Er hatte es eilig – die Elfenkönigin erwartete ihn vor Sonnenuntergang, doch der Fluss war tief und die Brücke aus Licht war verschwunden.

„Du stampfst ja wie ein kleiner Troll“, brummte eine Stimme, die klang wie zwei Kieselsteine, die aneinanderreiben.

Aus dem hohen Farn schob sich ein riesiger, bemooster Panzer. Es war Kasimir, die uralte Schildkröte des Elfenlands. Auf seinem Rücken wuchsen keine Schuppen, sondern kleine leuchtende Pilze und ein winziger Teegarten.

Kasimir!“, rief Finn ungeduldig. „Du musst mich rüberbringen. Ich bin spät dran!“

Kasimir hielt inne. Er brauchte geschlagene zehn Sekunden, um nur ein Auge zu blinzeln. „Spät? Im Elfenland gibt es kein 'Spät', kleiner Finn. Es gibt nur das 'Jetzt' und das 'Gleich'. Wenn du rennst, übersiehst du die Stufen im Wasser.“

Finn seufzte, stieg aber auf den breiten, rauen Panzer. Er erwartete, dass Kasimir sofort lospaddelte, doch die Schildkröte rührte sich nicht.

„Bevor wir die Strömung teilen, mein kleiner Freund, müssen wir die Gedanken vereinen“, murmelte Kasimir. „Ich sehe, du suchst die Lichtbrücke. Aber die Lichtbrücke findet nur den, der ihr Licht versteht. Höre gut zu:

Ich habe Städte, aber keine Häuser. Ich habe Berge, aber keine Bäume. Ich habe Wasser, aber keine Fische.

Was bin ich?"

Finn runzelte die Stirn. Städte ohne Häuser? Berge ohne Bäume? Wasser ohne Fische? Das klang wie...

„Eine Landkarte!“, rief Finn plötzlich aus. „Du bist eine Karte!“

Kasimir blinzelte ein zweites Mal, diesmal vielleicht ein kleines bisschen schneller. „Sehr gut, kleiner Finn. Nur wer die Welt in ihrem stillsten Abbild verstehen kann, findet auch den Weg in ihr.

Nun bewegte sich Kasimir endlich ins Wasser. Doch statt einfach über den Fluss zu gleiten, hielt sie mitten im Fluss an, genau dort, wo die Strömung am ruhigsten war.

„Schau mal nach unten“, flüsterte Kasimir.

Finn blickte ins Wasser. Erst sah er nur Strömung, doch weil Kasimir sich nicht bewegte, beruhigte sich das Wasser. Plötzlich sah er die Kristallfische, die eine goldene Kette im Maul trugen – den Schlüssel zur Lichtbrücke, den er die ganze Zeit gesucht hatte. Hätte er versucht, den Fluss im Laufschritt zu überqueren, hätte er sie nie bemerkt.

Mit dem Schlüssel in der Hand erreichte Finn das andere Ufer. Die Sonne stand noch immer an derselben Stelle wie zuvor.

„Danke, Kasimir“, sagte Finn und klopfte sanft auf den Panzer. „Eile ist nur der Dieb der schönen Momente“, antwortete die Schildkröte, kaute genüsslich auf einem Elfenblatt und zog den Kopf so langsam ein, dass Finn schon fast wieder vergessen hatte, dass sie überhaupt da war.


 

 

Naturwesen Nöck

am Bach im Elfenland.

 

Nöck und die Melodie des Glücks

 

Tief im Elfenland, wo die Bäche wie flüssiges Silber durch moosbewachsene Steine huschten und die Luft nach wildem Thymian und Morgentau duftete, lebte ein Frosch namens Nöck. Aber Nöck war kein gewöhnlicher Frosch. Er hatte keine Flügel wie seine kleineren Cousins, die Feenfrösche, und er war auch nicht so ehrwürdig und still wie die alten Schildkröten. Nöck liebte Musik über alles.

Schon als Kaulquappe hatte er bemerkt, dass die Vibrationen der Elfenlieder, die aus den Baumwipfeln herabschwebten, etwas Besonderes in ihm auslösten. Während andere Frösche sich mit dem Fangen von Libellen begnügten, saß Nöck oft stundenlang am Ufer, die Augen geschlossen, und lauschte den fernen Melodien. Eines Tages fand er im Schilf eine winzige Geige, nicht größer als ein Eichelhut, die ein vergessener Elf dort zurückgelassen hatte.

Nöck wusste nicht, wie man spielte. Seine grünen, plumpen Finger schienen ungeeignet für die zarten Saiten. Doch er gab nicht auf. Tag für Tag übte er, während die anderen Frösche mit den Augen rollten oder ihm spöttische Quakser zuwarfen. Er strich über die Saiten, und anfangs klang es furchtbar – ein schiefes Fiepen, das die Glühwürmchen vertrieb. Aber Nöck hatte eine unerschütterliche Geduld.

Monate vergingen, und mit dem Frühling, der das Elfenland in ein Blütenmeer verwandelte, geschah etwas Wunderbares. Nöcks Spiel wurde besser. Die schiefen Töne wichen sanften Melodien, die das Wasser des Baches zum Glitzern brachten. Die Vögel verstummten manchmal, um ihm zuzuhören, und selbst die Libellen schwebten andächtig über ihm, wenn er seine Geige spielte.

Seine Musik war besonders, weil Nöck mit seinem Herzen spielte. Er spielte die Freude des erwachenden Frühlings, das Rauschen des Windes in den Blättern und das Geheimnis des tiefen, klaren Baches. Er spielte so schön, dass die Frösche, die ihn einst verspottet hatten, nun neidisch wurden.

„Nöck“, quakte der alte Quax eines Abends, „deine Musik ist schön, aber was nützt sie? Du fängst keine Libellen damit, und du wirst auch kein König der Frösche!“

Nöck lächelte, legte seine winzige Geige beiseite und blickte in den Sternenhimmel. „Meine Musik bringt mir etwas viel Besseres, Quax“, antwortete er sanft. „Sie bringt mir Freude. Und sie erinnert uns daran, dass es im Elfenland nicht nur ums Jagen und Überleben geht, sondern auch um die Schönheit, die wir selbst erschaffen können.“

Und so saß Nöck weiterhin am Bach, seine Füße im kühlen Wasser, und spielte seine Geige. Seine Melodien flogen über die Frühlingswiesen, durch die Elfenwälder und berührten die Herzen aller, die zuhörten. Er wurde nicht der König der Frösche, aber er wurde etwas viel Wichtigeres: der Frosch, der die Melodie des Glücks spielte, und ein Beweis dafür, dass selbst die kleinsten Kreaturen im Elfenland Großes bewirken können, wenn sie nur ihrem Herzen folgen.

Eis-Elfe

 

Das Lied der singenden Gletscher

 

In den weiten Ebenen von Thalassia, wo der Wind die Tränen in den Augen zu Diamanten gefrieren lässt, lebte Sira. Sie war eine Späherin der Eiselfen, deren Aufgabe es war, das „Singen der Gletscher“ zu überwachen – ein tiefes Grollen im Eis, das den Puls der Welt ankündigte.

Eines Abends, als das Polarlicht den Himmel in ein giftiges Grün und sanftes Violett tauchte, fand Sira etwas, das es im ewigen Eis nicht geben durfte: Wärme.

In einer Gletscherspalte lag ein Mensch, ein Händler aus den südlichen Landen, eingehüllt in schwere, aber völlig durchnässte Pelze. Er war dem Tode nah. Sein Atem war nur noch ein schwacher Nebelhauch. Sira wusste, dass ihr Volk den Kontakt zu den „Eintagsfliegen“, wie sie die kurzlebigen Menschen nannten, streng untersagte. Doch in seinen erstarrten Fingern hielt er ein kleines Medaillon, das ein warmes, goldenes Licht ausstrahlte.

Sira entschied sich gegen die Kälte ihres Volkes. Sie kniete sich nieder und legte ihre bleichen Hände auf seine Brust. Sie nutzte keine Feuerkraft – das hätte ihn getötet –, sondern die Magie des Gleichgewichts. Sie entzog der Umgebung die restliche Feuchtigkeit und formte einen schützenden Kokon aus kristallklarem Eis um den Fremden.

In diesem Kokon stand die Zeit still. Der Frost fraß ihn nicht, er konservierte ihn.

Tage später, im geheimen Lazarett der Eiselfen-Stadt Kryos, schlug der Mann die Augen auf. Er sah keine Decke, sondern die schimmernden Wände einer Eishöhle. Sira stand an seinem Bett.

„Du bist weit von der Sonne entfernt, Südländer“, sagte sie, und ihre Stimme klang wie das Brechen von dünnem Eis auf einem See. „Das Eis hat dich behalten, aber ich habe ihm das Versprechen abgenommen, dich nicht zu verzehren.“

Der Mann reichte ihr das Medaillon. Es war kein Gold, sondern Bernstein – ein Stück „gefangene Sonne“. Als Sira es berührte, spürte sie zum ersten Mal in ihrem dreihundertjährigen Leben eine Hitze, die nichts mit Magie zu tun hatte.

 

Kiesel und das Leuchten von Elfenthal.

 

Es war einmal ein kleiner Wichtel namens Kiesel. Kiesel war nicht wie die anderen Wichtel, die am liebsten in dunklen Wurzelhöhlen hockten und glänzende Steine polierten. Kiesel liebte das Licht, die Farben und vor allem die Musik der Libellenflügel. Deshalb hatte er beschlossen, sein Glück im legendären Elfenland zu suchen.

Als Kiesel über die Grenze aus weichem Moos trat, traute er seinen Augen kaum. Im Elfenland waren die Blumen so groß wie Sonnenschirme und die Blätter der Bäume glitzerten wie feines Silber. In der Luft lag ein Duft von Honigmelone und Sternenstaub.

Doch Kiesel bemerkte schnell, dass etwas nicht stimmte. Die Elfen, die normalerweise hoch oben in den Baumkronen tanzten, saßen betrübt auf den untersten Ästen. Ihre Flügel hingen schlaff herab und das goldene Leuchten, das normalerweise von ihnen ausging, war nur noch ein schwaches Glimmen.

Die verschwundene Sonnenmelodie

Kiesel nahm all seinen Mut zusammen und sprach die Elfenkönigin Aurora an. „Warum seid ihr so traurig?“, fragte er mit seiner hellen Wichtelstimme.

Aurora blickte ihn aus müden Augen an. „Der Wind hat die Noten unserer Sonnenmelodie davongetragen. Ohne dieses Lied können wir nicht fliegen, und die Blumen im Elfenland verlieren ihre Farben.“

Kiesel wusste sofort, was zu tun war. Wichtel haben zwar keine Flügel, aber sie haben sehr feine Ohren für das Wispern der Natur. Er versprach, die Melodie zurückzubringen.

Die Suche im Echo-Tal

Kiesel wanderte bis zum Echo-Tal, wo die Winde der Welt zusammenliefen. Er lauschte stundenlang dem Pfeifen des Windes. Er hörte das Grollen des Donners und das Plätschern des Regens, aber keine Spur von der Sonnenmelodie.

Plötzlich hörte er ein feines Kichern. Es kam von einer alten Bergschildkröte, die in der Sonne döste. „Du suchst nach Tönen, kleiner Wichtel?“, brummte sie. „Der Wind hat sie nicht gestohlen. Er hat sie nur im Tau der Morgenfrühe versteckt, damit sie nicht verbrennen.“

Das Wunder

Kiesel eilte zurück, noch bevor die Sonne ganz aufgegangen war. Er sammelte die glitzernden Tautropfen von den Silberblättern in einer kleinen Schale aus Eichenholz. Als die ersten Sonnenstrahlen die Schale berührten, begannen die Tautropfen zu klingen – erst leise wie ein Glöckchen, dann immer lauter und schöner.

Es war die Sonnenmelodie!

Die Elfen begannen zu singen, ihre Flügel entfalteten sich und strahlten heller als je zuvor. Das ganze Elfenland erwachte zu neuem Leben.

Was Kiesel lernte

  • Mut: Auch wenn man klein ist, kann man Großes bewirken.

  • Zuhören: Die wichtigsten Antworten liegen oft in der Stille.

  • Freundschaft: Ein Wichtel und eine Elfe können die besten Verbündeten sein.

Seit diesem Tag lebt Kiesel in Elfenthal. Er poliert keine Steine mehr, sondern hütet die Tautropfen am Morgen, damit die Musik niemals endet.

 

Ancoron der Elb

Lilly im Elfenland Teil 1

 

Lilly hatte schon immer eine besondere Beziehung zur Natur. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie stundenlang in ihrem Garten spielte, mit den Blumen sprach oder den Vögeln zuflüsterte. Aber selbst Lilly war überrascht, als sie eines sonnigen Nachmittags, ihr rotes lockiges Haar tanzte im Wind und ihr grünes Kleidchen leuchtete im Gras, einen Schmetterling entdeckte, der anders war als alle anderen, die sie je gesehen hatte. Seine Flügel schimmerten in allen Farben des Regenbogens und hinterließen eine feine Spur aus Glitzer, wo immer er vorbeiflog.

Neugierig folgte Lilly dem magischen Geschöpf, das sie tiefer und tiefer in den Wald führte, der an ihren Garten grenzte. Der Schmetterling flatterte vor ihr her, als wollte er ihr den Weg zeigen, bis sie schließlich vor einer uralten Eiche standen, deren Stamm so breit war, dass Lilly ihn nicht umarmen konnte. Zwischen ihren Wurzeln pulsierte ein sanftes, goldenes Licht.

Der Schmetterling setzte sich auf Lillys Nasenspitze, kitzelte sie sanft und als sie kicherte, flog er in das goldene Licht hinein. Ohne zu zögern, folgte Lilly ihm. Ein warmer Schauer durchfuhr sie, als sie durch das Licht schritt, und als sie auf der anderen Seite wieder herauskam, traute sie ihren Augen kaum.

Sie stand in einer Lichtung, die von Bäumen umgeben war, deren Blätter in allen erdenklichen Farben leuchteten. Blumen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, sangen leise Melodien, und kleine, schwebende Lichter tanzten in der Luft wie funkelnde Seifenblasen. Aus der Ferne hörte sie das leise Lachen von Stimmen, die wie Glöckchen klangen. Das war kein gewöhnlicher Wald mehr. Das war das Elfenland. Lillys Herz machte einen kleinen Freudensprung, ihr rotes Haar leuchtete nun noch intensiver im magischen Licht und ihr grünes Kleidchen verschmolz beinahe mit der lebendigen Umgebung.

Sie war endlich angekommen. Und ihr Abenteuer hatte gerade erst begonnen.

 

Lilly im Elfenland Teil 2

Lilly stand mit großen Augen mitten auf der Lichtung, als sich die schwebenden Lichter plötzlich zu kleinen Gestalten formten. Es waren Elfen, kaum größer als eine Handspanne, mit Flügeln, die wie Libellenflügel im Licht zitterten.

Eine Elfe mit einem Kleid aus geflochtenem Mondschein flog direkt auf Lilly zu. „Ein Menschenkind mit Haaren aus Kupferflammen!“, rief sie mit einer Stimme, die wie das Klingen von feinstem Kristall klang. „Bist du gekommen, um uns zu helfen, Lilly?“

Lilly war überrascht. „Woher kennt ihr meinen Namen? Und wobei soll ich helfen?“

Die Elfe, die sich als Fibi vorstellte, landete sanft auf Lillys Schulter. „Der Wind hat deinen Namen schon lange vor dir hergetragen. Und schau dir dein grünes Kleid an – es hat genau die Farbe der Smaragd-Blüte, die seit heute Morgen ihre Blätter hängen lässt. Ohne ihren Duft verlieren wir Elfen unsere Flugkraft!“


Fibi führte Lilly zu einem kristallklaren Bach, an dessen Ufer eine wunderschöne, aber sichtlich schwache Blume wuchs. Ihre Blätter waren genau so grün wie Lillys Kleid, doch sie wirkten staubig und grau.

  • Das Problem: Die Blume brauchte kein Wasser, sondern ein echtes, herzliches Lachen, um wieder zu strahlen. Doch die Elfen waren vor Sorge so bedrückt, dass sie ihr schönstes Lachen vergessen hatten.

  • Lillys Idee: Lilly wusste genau, was zu tun war. Sie erinnerte sich an den Moment, als der Schmetterling sie an der Nase gekitzelt hatte. Sie fing an, eine lustige Geschichte von ihrem Hund zu erzählen, der einmal versucht hatte, seinen eigenen Schatten zu fangen und dabei in den Gartenschlauch purzelte.

Lilly lachte so herzlich über die Erinnerung, dass ihre roten Locken nur so wackelten. Ihr Lachen hallte durch die Lichtung wie kleine goldene Glocken.


Ein Wunder in Grün

Kaum war das Lachen verklungen, geschah etwas Magisches:

  1. Die Smaragd-Blüte saugte das Lachen auf wie einen Sonnenstrahl.

  2. Ihre Blätter richteten sich auf und begannen in einem satten, tiefen Grün zu leuchten – exakt wie Lillys Kleidchen.

  3. Ein goldener Pollenstaub stieg auf und hüllte Lilly und die Elfen ein.

„Du hast es geschafft!“, jubelte Fibi und wirbelte in der Luft herum. Zum Dank berührte Fibi Lillys Kleid mit ihrem Zauberstab. Plötzlich begannen auf dem Stoff kleine, echte Gänseblümchen zu wachsen, die niemals verwelkten.

Lilly spürte, dass sie nun eine wahre Freundin des Elfenlandes war. Doch im Augenwinkel sah sie etwas Dunkles am Horizont des Glitzerwaldes... das Abenteuer war noch lange nicht vorbei.


 

Der erste Schimmer des Elfenfrühlings.

Im Elfenland war der Winter lang gewesen, ein kühles Geflecht aus silbriger Stille und schimmerndem Frost, das die Bäume in zarte Glasskulpturen verwandelte. Die Elfen hatten sich in ihren wärmsten Baumhöhlen und unter den schützenden Wurzeln alter Eichen versammelt, Geschichten erzählt und süßen Honigwein getrunken. Doch nun lag eine neue Erwartung in der Luft, ein kaum spürbares Beben, das die ältesten Elfen als den ersten Schimmer des Elfenfrühlings kannten.

Lilly, eine junge Elfe mit dem Haar so rot wie die Morgendämmerung und Augen, die an frisches Quellwasser erinnerten, konnte es kaum erwarten. Sie liebte den Winter für seine glitzernde Ruhe, aber ihr Herz sehnte sich nach dem Farbenrausch und dem Gesang der geflügelten Kreaturen. Jeden Morgen schlich sie sich zu einem versteckten Fenster in ihrer Baumwohnung und spähte hinaus, suchend nach dem ersten Zeichen.

Eines Tages, als die Sonne über dem Horizont emporstieg und einen Schleier aus goldenem Licht über die schlafende Landschaft legte, bemerkte Lilly eine Veränderung. Der Frost an den Ästen war nicht mehr hart und starr, sondern schmolz in winzigen, glitzernden Tropfen, die wie flüssige Diamanten zu Boden fielen. Und dann sah sie es: Zwischen den noch grauen Grashalmen, direkt unter einem bemoosten Stein, spitzte ein kleiner, violetter Punkt hervor. Ein Glockenblümchen! Es war winzig, noch schüchtern von der Kälte der vergangenen Nacht, aber es war da.

„Es beginnt!“, flüsterte Lilly aufgeregt und ihr Atem bildete eine kleine Wolke in der noch kühlen Luft.

Sie eilte zu den anderen Elfen, die noch beim Frühstück saßen. „Das Glockenblümchen ist erwacht! Der Frühling kommt!“

Ein Raunen ging durch die Runde. Die Ältesten nickten weise, ihre Augen leuchteten. „So sei es“, sagte Elara, die älteste Elfe des Stammes, deren Stimme klang wie raschelndes Herbstlaub. „Dann ist es Zeit, das Lied des Erwachens zu singen.“

Die Elfen versammelten sich am großen Lichtungsbaum, der schon Hunderte von Elfenfrühlingen erlebt hatte. Sie hoben ihre Stimmen im Lied des Erwachens, einer alten Melodie, die so alt war wie das Elfenland selbst. Ihre Stimmen webten sich in die Luft, eine sanfte Magie, die durch die Wälder zog und die letzten Fesseln des Winters löste.

Während sie sangen, geschah etwas Wundervolles. Der Boden unter ihren Füßen begann zu vibrieren, und kleine grüne Spitzen schoben sich durch die Erde. Blütenkelche öffneten sich in leuchtenden Farben – Blau, Gelb, Rot und Violett. Die Knospen an den Bäumen schwollen an und platzen auf, und ein sanfter, warmer Wind strich durch die Blätter, der nach frischer Erde und süßem Nektar duftete. Schmetterlinge, deren Flügel so zart waren wie Seidenpapier, flatterten aus ihren Verstecken, und die ersten Elfenbienen summten träge aus ihren Waben.

Der Wald erwachte mit einem tiefen Seufzer. Die Vögel begannen ihre Melodien zu trillern, und selbst die kleinen Flussgeister tanzten fröhlich in den schmelzenden Bächen. Lilly stand inmitten dieses Zaubers, ihr Gesicht strahlte. Sie atmete den frischen Duft des Elfenfrühlings ein, der so viel mehr war als nur eine Jahreszeit – es war ein Versprechen von Neubeginn, von Freude und von unzähligen Abenteuern, die noch kommen würden.

Der Winter war vorüber. Das Elfenland erstrahlte in neuem Glanz, bereit für die Wunder des Frühlings.

Die Luftnymphe von Aethelgard

 

In den schwebenden Gärten von Aethelgard, dort wo die Grenzen zwischen Himmel und Erde in einem ewigen, goldenen Zwielicht verschwimmen, lebte Ana. Sie war keine Elfe des Waldes und auch keine Hüterin der tiefen Seen. Ana war eine Luftnymphe – ein Wesen, so flüchtig wie der Morgentau und so beständig wie der Westwind. Das Elfenland war ein Ort der Wunder. Hier leuchteten die Blumen im Takt der Sterne, und die Bäume flüsterten in einer Sprache, die älter war als die Zeit selbst. Die Elfen pflegten ihre Gärten mit Gesängen, doch es war Ana, die den Duft der Blüten über die Täler trug. Ana war fast durchsichtig, ihre Haut schimmerte wie Perlmutt. Ihr Kleid bestand aus gewebtem Nebel, der sich ständig veränderte:

  • Am Morgen: Ein zartes Rosa, wie die ersten Sonnenstrahlen.

  • Am Mittag: Ein strahlendes Azurblau.

  • Am Abend: Tiefes Violett, durchsetzt mit silbernen Fäden.

Während die Elfen die Materie formten, war Ana für das Unsichtbare zuständig. Sie lenkte die sanften Brisen, die die Pollen der Lichtlilien verteilten, und sie trug die Melodien der Elfenharfen bis in die fernsten Winkel des Reiches. Ohne sie wäre das Elfenland still und starr geblieben.

Eines Tages geschah es, dass der Wind einschlief. Die Blätter regten sich nicht mehr, und die Düfte blieben schwer am Boden hängen. Ana wusste, dass sie tanzen musste. Sie stieg auf den höchsten Gipfel des Saphirgebirges und begann einen Reigen, der so wild und voller Sehnsucht war, dass der Himmel selbst zu atmen begann. Mit jedem Wirbel ihres Nebelkleides erwachte die Luft. Ein frischer Windstoß fegte durch das Elfenland, rüttelte die schlafenden Vögel wach und brachte das Lachen der Quellen zurück.

Noch heute sagen die Elfen, wenn ein plötzlicher, warmer Windstoß deine Wangen streift und nach wildem Jasmin riecht, dass Ana gerade vorbeigeflogen ist – die ewige Tänzerin zwischen den Wolken von Aethelgard.

 

 

 

Karim, der Hüter des Frühlingsdufts

In den ersten Tagen des Jahres, wenn der Boden noch hart vom Frost ist und die Welt in ein blasses Grau getaucht scheint, regt sich tief unter der Erde ein kleines Wesen. Sein Name ist Karim, und er ist kein gewöhnlicher Elf. Karim ist ein Hyazinthenelf.

Während andere Elfen noch in ihren warmen Baumhöhlen schlummern, zieht Karim sich bereits seine Weste aus fein gewebtem Moos an. Seine Flügel sind nicht durchsichtig wie die der Libellenelfen; sie schimmern in den Farben der Blumen, die er beschützt: ein tiefes Violett, ein zartes Rosa und ein strahlendes Himmelblau.

Karim hat eine ganz besondere Aufgabe. Er ist der „Wecker“ der Hyazinthen. Mit einem kleinen silbernen Glöckchen wandert er durch die dunklen Gänge zwischen den Zwiebeln und flüstert ihnen Träume von Sonnenstrahlen und Bienengesumm ins Ohr.

Wenn die Hyazinthen schließlich ihre Köpfe durch die Erde schieben, beginnt Karims eigentliche Arbeit. Man sagt, dass Hyazinthen deshalb so betörend duften, weil Karim jeden Morgen eine winzige Phiole mit „Sternentau“ über die Blütenstände gießt.

  • Die blauen Hyazinthen: Karim schenkt ihnen den Duft der kühlen Morgenluft.

  • Die rosa Hyazinthen: Sie erhalten von ihm die Süße der ersten Frühlingsgefühle.

  • Die weißen Hyazinthen: Er gibt ihnen die Reinheit des schmelzenden Schnees.

Karim ist sehr scheu, aber er liebt es, wenn Menschen – besonders Kinder – an seinen Blumen schnuppern. Wenn ein Kind die Augen schließt und tief den Duft einer Hyazinthe einatmet, kichert Karim leise. Er versteckt sich meistens direkt zwischen den kleinen, lockigen Einzelblüten des Blütenstabs. In diesem Moment schlägt er ganz sanft mit seinen Flügeln, um den Duft noch stärker in die Nase des Kindes zu wirbeln.

Eine kleine Botschaft

Wenn du das nächste Mal eine Hyazinthe siehst, die so schwer an ihren Blüten trägt, dass sie sich fast zur Erde neigt, dann weißt du: Karim sitzt gerade dort oben und ruht sich aus. Er flüstert dir zu:

„Hab Geduld, das Licht ist nah. Mit jedem Duft, den ich verströme, vertreibe ich den Winter ein Stückchen mehr.“

 

 

 

Das Geheimnis von Elfenthal

Tief im Herzen des Schwarzwaldes, dort wo der Nebel niemals ganz weicht, liegt das Elfenthal. Die Dorfbewohner von Rabenbruck meiden diesen Ort, denn man sagt, die Zeit fließt dort wie zäher Honig – und die Hexe von Elfenthal wacht über jeden Schritt, den ein Fremder wagt. Die Menschen, die dort lange gewohnt hatten, hatte sie schon vor langer Zeit weg gejagt. Die Hexe war böse, man konnte ihr nicht vertrauen. Es war ein kalter Oktoberabend, als der junge Schmied Lukas sich verirrte. Er suchte nach einem entlaufenen Kalb, doch je tiefer er in das Tal eindrang, desto seltsamer wurde der Wald. Die Farne leuchteten in einem unnatürlichen Silber, und die Luft schmeckte nach altem Moos und verbranntem Zimt.

Dann kam eine Lichtung, die besonders beängstigend war. Plötzlich stand sie vor ihm. Die Hexe von Elfenthal. Sie war nicht alt und bucklig, wie die Ammenmärchen behaupteten. Die Hexe trug ein Kleid aus verwobenen Weidenkätzchen, und ihre Augen hatten die Farbe von tiefem Bergsee-Blau. Wer den Pfad des Elfenthals betritt, muss einen Preis zahlen“, sagte sie, und ihre Stimme klang wie das Brechen von dünnem Eis. „Suchst du das Kalb oder suchst du das Vergessen?“

Lukas zitterte. Er hatte gehört, dass die Hexe Wünsche erfüllen konnte, doch ihr Preis war stets das Liebste, was man besaß. Ich suche nur das Tier, Herrin“, stammelte er.

Die Hexe lächelte, und es war ein trauriges Lächeln. Sie hob die Hand, und aus dem Unterholz trat das Kalb hervor – unversehrt, doch seine Augen leuchteten nun im gleichen Silber wie die Farne.

„Nimm es“, flüsterte sie. „Aber wisse: Jede Nacht, wenn der Mond voll über dem Elfenthal steht, wird dein Herz hierher zurückkehren. Du wirst im Dorf leben, Lukas, aber deine Seele gehört nun dem Wald.“ Seit diesem Tag war Lukas der beste Schmied der Region, doch er sprach kein Wort mehr. Er blickte nur noch nach Osten, dorthin, wo das Elfental lag. Man sagt, wenn der Wind günstig steht, kann man das Lachen der Hexe hören – ein Geräusch, das halb wie ein Lied und halb wie eine Warnung klingt.

Lukas lebte fortan wie ein Schatten unter den Lebenden. Er schmiedete Hufeisen, die niemals brachen, und Pflüge, die wie von Geisterhand durch die härteste Erde glitten. Doch sein Blick blieb leer. Jahre vergingen, und die Stille in Lukas’ Brust wurde zu einem schmerzhaften Ziehen. Jedes Mal, wenn der Vollmond das Tal in kaltes Licht tauchte, spürte er, wie die Wurzeln der alten Eichen in seinem Geist nach ihm griffen. Er verstand nun: Die Hexe hatte ihm nicht nur seine Seele geraubt – sie hatte ihm ein Fenster in eine Welt geöffnet, gegen die das Dorfleben grau und bedeutungslos wirkte. Eines Nachts hielt er es nicht mehr aus. Ohne Hammer, ohne Brot und ohne Abschied verließ er die Schmiede und lief in den Wald.

Als er die Grenze zum Tal überschritt, veränderte sich die Welt. Die Schwerkraft fühlte sich leichter an, und das Flüstern der Blätter ergab plötzlich einen Sinn. Es war keine Sprache aus Worten, sondern aus Gefühlen. Er fand sie am Ufer eines schwarzen Sees, dessen Oberfläche so glatt war wie polierter Obsidian. Sie saß dort und fischte mit einem Netz aus Mondlicht nach versunkenen Träumen.  Du bist zurückgekehrt“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Die Welt der Menschen ist laut und voller Staub. Hier ist nur die Ewigkeit.“

„Wer bist du wirklich?“, fragte Lukas. Seine Stimme war rau vom jahrelangen Schweigen. Die Hexe erhob sich. Ihr Kleid aus Weidenkätzchen schimmerte nun wie flüssiges Quecksilber. „Ich bin die Erinnerung dieses Waldes“, erklärte sie. „Ich bin eine Hexe, Lukas. Ich habe die Liebe der Menschen zu mir in meiner Umgebung verspielt. Ich habe meine Freunde belogen und betrogen. Das Elfenthal stirbt, weil niemand mehr seinen Namen flüstert. Das ist meine Schuld, weil die Menschen Angst vor dem Tal haben und Angst vor mir. Ich habe dich geholt, damit das Tal nicht vergisst, wie ein menschliches Herz schlägt.“

Sie reichte ihm einen Becher aus einer ausgehöhlten Eichel. Die Flüssigkeit darin leuchtete wie flüssiger Bernstein. Trink, und du wirst der Hüter dieses Tals. Du wirst nicht altern, du wirst keinen Hunger kennen, aber du wirst niemals wieder einen Fuß in die Welt der Sterblichen setzen können.“ Lukas sah zurück in die Richtung, in der sein Dorf lag, wo der Rauch der Kamine in den Himmel stieg. Dann sah er in die unendlichen, tiefblauen Augen der Frau vor ihm.

Er nahm den Becher. In dieser Nacht erlosch das Feuer in der Schmiede von Rabenbruck für immer. Die Dorfbewohner sagen, dass man an nebligen Tagen zwei Gestalten am Waldrand sehen kann: Eine Frau in Silber und einen Mann, dessen Hammerschläge man nicht hört, der aber den Rhythmus des Waldes im Blut trägt.

 

Ancoron der Elb

Ancoron der Elb war zurückhaltend. In einer Welt, die oft von lautem Stahl und noch lauteren Stimmen beherrscht wurde, wirkte er wie ein vergessener Schatten unter den silbernen Birken seiner Heimat. Seine Zurückhaltung war jedoch kein Zeichen von Furcht oder Unsicherheit; sie war vielmehr eine Form der Beobachtung, ein tiefes Zuhören, das den meisten Menschen fremd war.

Wenn die Gefährten am Lagerfeuer saßen und von vergangenen Schlachten oder künftigem Ruhm prahlten, saß Ancoron meist etwas abseits. Er polierte nicht sein Schwert – denn eine Waffe, so sagte er einmal, sollte nur Aufmerksamkeit erhalten, wenn sie absolut notwendig war – sondern er blickte in die Dunkelheit jenseits des Feuerscheins.

Seine Augen, die die Farbe von herbstlichem Moos hatten, schienen Dinge zu sehen, die zwischen den Sekunden existierten. Er sprach selten, doch wenn er es tat, wogen seine Worte schwer wie alter Stein.

Es gab eine Begebenheit in den Ruinen von Oakhaven, als die Gruppe von Zweifeln zerfressen wurde. Die Hitze der Diskussion drohte in Streit umzuschlagen. Ancoron hatte bis zu diesem Zeitpunkt kein einziges Wort verloren. Er stand einfach da, die Finger leicht auf dem hölzernen Griff seines Bogens ruhend.

Erst als die erste Hand zum Schwertknauf glitt, trat er vor. Er hob nicht die Stimme. Er legte lediglich eine Hand auf die Schulter des hitzköpfigsten Kriegers.

„Das Echo dieses Streits wird die Wände einstürzen lassen, lange bevor der Feind uns erreicht“, sagte er leise. „Stille ist das einzige Fundament, auf dem wir heute bauen können.“

In diesem Augenblick begriffen sie, dass seine Zurückhaltung sein größter Schutz war. Er bewahrte die Ruhe, die sie alle verloren hatten.

Ancoron stammte aus einem Geschlecht, das gelernt hatte, dass jedes Wort eine Tat ist. Für ihn war Schweigen kein Mangel an Meinung, sondern Respekt vor der Wahrheit. Während andere versuchten, die Welt mit ihren Wünschen zu füllen, war Ancoron zufrieden damit, ein Teil von ihr zu sein, ohne sie zu stören.

Er blieb ein Rätsel für seine Freunde, ein Anker in stürmischen Zeiten – der Elb, der lieber zuhörte als sprach, und der gerade deshalb alles verstand.